In eigener Sache: Weder viele noch gute Gründe

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Bei der Untersuchung und Bekämpfung von fremdenfeindlichen und antidemokratischen Tendenzen in unserer Gesellschaft ist nicht zuletzt sprachliche Sorgfalt gefragt. Die Metaphern „Flut“ und „Schwemme“ im Zusammenhang mit in Deutschland Zuflucht suchenden Menschen schüren bewusst oder unbewusst Verunsicherung. Sie verstellen außerdem den Blick darauf, dass es sich bei „den Flüchtlingen“ um Menschen handelt, die ein Recht darauf haben, als Individuum mit je eigener Geschichte wahrgenommen zu werden. Der Unterschied, ob man die steigende Zahl von Asylsuchenden als „Problem“ oder als „Herausforderung“ bezeichnet, ist augenfällig.

Wie wenig sprachsensibel die Lokalpresse mit dem Thema umgeht, zeigte sich am 22. Juli im „Ostfriesischen Kurier“. Dort wird von der Vorstellung des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ im Sozialausschuss des Landkreises Aurich berichtet. Ich werde zitiert mit den Worten: „Es gibt keine Entschuldigung dafür, rechtsradikal zu werden, aber sehr viele gute Gründe.“ Anscheinend hat die Redaktion sowohl die Widersprüchlichkeit als auch die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage übersehen.

Es gibt viele wissenschaftliche Ansätze, um die Entstehung von Rechtsradikalismus zu erklären. Zu den plausibelsten gehört die Sozialisationstheorie. Ihr zufolge wird die Grundüberzeugung, dass Menschen unterschiedlich viel wert seien, bereits im Elternhaus angelegt. Rechtsradikale Gruppen knüpfen daran an. Sie geben sich gegenüber Jugendlichen zunächst harmlos. Mit gemeinsamen Freizeitaktivitäten gewinnen rechtsradikale Gruppen junge Menschen für sich und ihre menschenverachtende Ideologie, die nach und nach offen zu Tage tritt. Wenn sich zudem die Öffentlichkeit nicht eindeutig dagegen positioniert, kann sich rechtsradikales Gedankengut in der Gesellschaft ausbreiten.

Aus der Präsentation, mit der die Ausgangslage für die "Partnerschaft für Demokratie" im Landkreis Aurich vorgestellt wurde.
Aus der Präsentation, mit der die Ausgangslage für die „Partnerschaft für Demokratie“ im Landkreis Aurich vorgestellt wurde.

Das macht die falsche Berichterstattung umso schwerwiegender. Denn tatsächlich habe ich im Sozialausschuss gesagt, dass es keine Entschuldigung für Rechtsradikalismus gibt, aber Bedingungen, die ihn begünstigen. Dabei habe ich Bezug genommen einerseits auf den unterdurchschnittlichen Anteil von Ausländer_innen an der Bevölkerung im Landkreis Aurich. Fremdenfeindlichkeit ist besonders dort verbreitet, wo die Menschen wenig bis keinen persönlichen Umgang mit Migrant_innen und Geflüchteten haben.

Zum anderen kann die Strukturschwäche des Landkreises Aurich der Ausbreitung rechtsradikalen Denkens Vorschub leisten. Die Zahl der jungen Erwachsenen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, ist im Landkreis überdurchschnittlich hoch. Gleiches gilt für die Zahl der Arbeitslosen. Jugendliche ohne Perspektive sind besonders anfällig für fremdenfeindliche und antidemokratische Parolen.

Dies sind weder Gründe noch Entschuldigungen für rechtsradikale Überzeugungen. Der durch die Berichterstattung des „Ostfriesischen Kuriers“ erweckte Eindruck, ich würde Rechtsradikalismus unter irgendwelchen Bedingungen akzeptabel finden, ist falsch.

Timo Schneider

KVHS Norden, Fachbereich Gesellschaft – Politik – Umwelt
Fach- und Begleitstelle der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Aurich www.moin-zusammen.de
leserbrief_okNachtrag:

Leider macht es der Ostfriesische Kurier durch den sinnentstellenden Abdruck meines Leserbriefs in der Ausgabe vom 24. Juli 2015 noch schlimmer.

Dort steht zu den Bedingungen, die Rechtsradikalismus begünstigen: „Als solche liegen im Landkreis Aurich vor eine hohe Zahl Ausländer sowie Strukturschwäche und wenig Perspektiven für Jugendliche.“

Das ist falsch. Tatsächlich habe ich dem Kurier geschrieben: „Als solche liegen im Landkreis Aurich vor eine unterdurchschnittliche Zahl an Ausländer_innen sowie Strukturschwäche und wenig Perspektiven für Jugendliche.“

So viel zur sprachlichen Sorgfalt.

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